Umzug oder: Begegnung mit dem „alten“ DIZ

von | Jul 27, 2022

von Corinna Bittner

Mitte Juli stand für uns ein größerer Umzug an. Materialien, die in den vergangenen Jahren in zwei Räumen im bisher nicht genutzten Teil des ehemaligen Bundeswehrdepots in Esterwegen lagerten, mussten in einen anderen Raum gebracht werden. Die Arbeiten waren anstrengend und umfangreich und ich bin den Vorstandsmitgliedern Sabine Mithöfer und Ben Gattermann, unserem Praktikanten Nils Kolodzey und unserem Hausmeister dankbar für die Hilfe. Wer schon mal umgezogen ist, kennt vielleicht eine Erfahrung, die wir dabei gemacht haben. Im Laufe eines solchen Umzugs begegnen einem zahlreiche Zeugnisse der Vergangenheit. Und oft verliert man sich und die Zeit beim Kennenlernen oder Wiedersehen dieser Zeugnisse. Beim Einzug des DIZ in die Gedenkstätte Esterwegen 2011 wurden Teile der alten Ausstellung, zahlreiche Buchnachlässe von ehemaligen Häftlingen, Sonderausstellungen und größere Ausstellungsobjekte von Papenburg mit nach Esterwegen gebracht. Nicht alle konnten Platz in Bibliothek, Archiv oder Ausstellung finden.

Auch, weil diese Objekte Teil unserer Sammlung und der Geschichte der Erinnerung an die Emslandlager sind, möchte ich ein paar dieser Funde gerne mit Euch teilen.

Da sind einmal die Bücher, die Überlebende aufgrund des Kontakts zu den Mitarbeiter:innen des DIZ an uns übergeben haben. Darunter finden sich neben umfangreicher Literatur – in Teilen aus der DDR – zu konkreten Themen des Nationalsozialismus, wie Widerstand und Verfolgung und auch Werke zur Geschichte der Arbeiterbewegung allgemein. Auch einzelne Bücher, die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen, haben wir dabei gefunden. Ein nicht ganz ungefährlicher Fund, wenn man den Tag über auch noch etwas schaffen möchte. Schnell liest man sich in den Büchern fest, die für uns in erster Linie Quellenwert haben und uns einen Eindruck geben, welche Themen und Inhalte von Überlebenden als wichtig erachtet wurden. Diese Bücher sind ohne quellenkritische Einordnung nicht immer gut zu verstehen, andere Bücher haben keinen oder wenig Bezug zur Geschichte der Emslandlager, so dass sie nicht in unsere umfangreiche Bibliothek aufgenommen wurden.

In drei großen, hierfür extra angefertigten Kisten befinden sich Lagermodelle, die der Überlebende Willy Pütz, geboren 1920 im emsländischen Lingen, nach seiner Haft anfertigte und dem DIZ übergab. Zwei große Teile repräsentieren den Wachmannschafts- und den Gefangenenteil des Strafgefangenenlagers Aschendorfermoor, wo Pütz von Dezember 1941 bis August 1942 als militärgerichtlich verurteilter Straftäter inhaftiert war. Verurteilt war er wegen „militärischen Diebstahls“, er hatte Brot für gefangene sowjetische Soldaten organisiert. Für die Ausstellung im neuen Gebäude des DIZ baute Willy Pütz 1993 ein größeres Modell, das heute in der Ausstellung der Gedenkstätte Esterwegen zu sehen ist. Das kleinere Modell wurde Teil einer Wanderausstellung. Ein drittes Modell von ihm stellt eine Lagerbaracke dar. Sicherlich stimmen die Maßstäbe der Modelle in keiner Weise und es dürften einige Ungenauigkeiten zu finden sein – doch darum geht es nicht. Die Ausdrucksform die Erinnerung in diesem Modell findet, ist ebenso detailreich wie ungewöhnlich. Ich frage mich, wie Willy Pütz die Modelle in einem Wechselspiel mit seinen Erinnerungen entwarf, zusammenbaute, anpasste. In der Arbeit des DIZ hatten diese Modelle dann eine sehr konkrete Funktion: Sabine Mithöfer erzählt, dass sie insbesondere die Baracke früher bei jüngeren Besucher:innen verwendet hat. So konnte anschaulich der Alltag im Lager dargestellt und eine Verbindung beziehungsweise ein Kontrast zur Lebensrealität der ca. 12 bis 14-Jährigen hergestellt werden. Die Frage „Wie lebten die Gefangenen?“ lässt sich anhand der Modelle gut diskutieren.

Modell einer Lagerbaracke von Willy Pütz

Ein dritter Fund, den ich kurz vorstellen möchte, ist eine etwa 100 cm große, rötliche Plastik aus Gips. Der Enkel von Klara und Karl Schabrod, Niels Schabrod, erstellte sie nach dem Vorbild einer kleinen Schnitzerei von Hanns Kralik aus Mooreiche. Die Schnitzerei fertigte Kralik während seiner Haft, 1933 im KZ Börgermoor an. Kralik war studierter Grafiker und stammte aus einer Bergarbeiterfamilie und arbeitete vor 1933 für die KPD Bezirksleitung im Bereich der „Agitprop“. Nach seiner Entlassung floh er zunächst nach Holland, wohin seine ebenfalls inhaftierte Frau Lya Kralik ihm bald folgen konnte. Von dort emigrierten sie nach Paris und unterstützen dort die Résistance. Nach 1945 kehrten sie nach Deutschland zurück. Das Original der Holzarbeit von Kralik, eine Leihgabe von Karl und Klara Schabrods Tochter, Klara Tuchscherer, befindet sich heute in der Ausstellung der Gedenkstätte Esterwegen. Auch Karl Schabrod war 1933 in Börgermoor inhaftiert, er taucht als „Kurt“ in Wolfgang Langhoffs „Die Moorsoldaten“ von 1935 auf. Zwischen den Familien Kralik und Matthies/Schabrod bestand vor, während und nach der Haft eine freundschaftliche Verbindung. Die große Plastik ebenso wie die originalen Schnitzereien zeugen somit auch von den miteinander verflochtenen Erinnerungen der Überlebenden und ihrer Familien daran. Wie Sabine uns erzählt, stand die Replik im Eingangsbereich des „alten“ DIZ in Papenburg und fiel den Besucher:innen somit immer direkt ins Auge. Bei uns wird sie nun als eines von vielen wichtigen künstlerischen Zeugnissen der Nachgeschichte aufbewahrt.

Für mich selbst war dies also auch eine Begegnung mit der Vergangenheit der Institution, für die ich arbeite. Das „alte“ DIZ in Papenburg kenne ich nur von Fotos und Erzählungen. Die „alten“ Objekte haben dabei nicht nur einen Erinnerungswert, sondern sind auch wertvolle Quellen der Geschichte der Erinnerungskultur im Emsland.

 

Weiterlesen:

Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten, Zürich 1935.

Hermann Kopp, Klaus Stein und Klara Tuchscherer (Hrsg.): Hanns und Lya Kralik. Kunst und widerständiges Leben, Essen: Neue Impulse Verlag 2011.