Lager III (Brual-Rhede)

Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager

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Das Lager III Brual-Rhede wurde im Jahr 1934 errichtet und war zunächst als Konzentrationslager für 1000 Schutzhäftlinge geplant. Nach seiner Fertigstellung im Frühjahr 1934 wurde es dann jedoch von der preußischen Justizverwaltung als Strafgefangenenlager genutzt, das mit aus unterschiedlichsten Gründen Verurteilten belegt wurde.

Zu den ersten Häftlingen gehörte Wilhelm Henze. Der 1908 in Hildesheim Geborene erlernte zunächst im Betrieb seines Vaters den Beruf des Waagenschlossers, bevor er sich 1929 entschloss, Schriftsteller, „Arbeiterdichter“ zu werden, mit wenig Erfolg allerdings. Er engagierte sich bei den Naturfreunden, der Esperanto-Bewegung und im Arbeitersport, schließlich im Mai 1933 politisch in einem kleinen Kreis von Kommunisten und Sozialdemokraten, dessen Mitglieder schon sehr bald verraten wurden. Im August verhaftet, verurteilt man ihn im Dezember 1934 wegen „Hochverrats“ zu 27 Monaten Gefängnis. Nach viermonatiger Haft im Gefängnis in Hameln wird er im Mai 1934 in das Lager Brual-Rhede überführt, aus dem er nach Verbüßung seiner Haftstrafe am 30. November 1935 entlassen wird. Als er Anfang 1936 auf einer Radtour durch Deutschland von der Verhaftung seines Bruders erfährt, emigriert er nach Schweden, wo er bis zu seinem Tod 1996 in der Nähe von Stockholm lebt.

Seine Lagererlebnisse hielt Henze in einem Tagebuch fest. Auch entstanden in Brual-Rhede Zeichnungen und Gedichte sowie anschließend im Exil ein Manuskript mit Geschichten aus dem Lageralltag, 1992 unter dem Titel „Hochverräter raus!“ in den DIZ-Schriften veröffentlicht.

Politischen Häftlinge wie Henze bildeten jedoch eine Minderheit unter den Häftlingen dieses Lagers, deren Zahl in den folgenden Jahren sehr stark schwankte. Wahrscheinlich dürften auch hier wie in den anderen emsländischen Strafgefangenenlagern bis Kriegsbeginn überwiegend ‚Kriminelle’ (auch nach heutigem Rechtsverständnis) inhaftiert gewesen sein, neben durch immer neue Verordnungen Kriminalisierte. Die Gefangenen wurden in diesen Jahren zur Moorkultivierung in der Nähe des Lagers eingesetzt. Ihre Bewachung oblag der SA-Pionierstandarte 10, deren Angehörige die Häftlinge schikanierten, terrorisierten und prügelten.

An den Alltag im Lager erinnert sich Alfred Weidenmüller, der 1937 aus politischer Häftling zusammen mit 300 weiteren Gefangenen aus den Haftanstalten in Waldheim und Zwickau in das Lager eingeliefert wurde:

„Wöchentlich einmal wurde jeder Gefangene zur Lagerkommandantur gerufen. Zu jeder Seite des Eingangs standen zwei Hunde. Bevor der Gefangene die Baracke betrat, musste er vor den Hunden strammstehen, die Mütze abnehmen und laut und deutlich sagen: ‘Du bist ein Herrenhund, und ich ein Schweinehund.’ Es war an einem Tag vor dem Heiligen Abend 1937. Der Tag war bitterkalt, und kaum lagen wir auf den Pritschen, als das Kommando ertönte: ‚Im Hemd raustreten!’ Vor der Baracke 2 standen schon 600 Gefangene im Hemd bei eisigem Nordwind. Im Lager befand sich auch der Genosse Herbert Kerzig aus Chemnitz. Er war von Beruf Dirigent und betreute früher mehrere Arbeiter-Gesangvereine. Er musste im Hemd das Dach der Baracke besteigen, und unter seiner Leitung mussten wir das Lied ‚Empor zum Licht’ singen. Anschließend erkrankten 22 Gefangene an Lungenentzündung, 4 starben daran. Durch die geringe Kost und die schwere Arbeit gab es viele Erkrankungen. Krankmeldungen gab es erst dann, wenn ein Gefangener nicht mehr aufstehen konnte. Operationen wurden ohne örtliche Betäubung vorgenommen. Ich kenne 11 Fälle, dass Gefangene Selbstverstümmelungen vornahmen, indem sie Löffel, Glasscherben von zerschlagenen Wassergläsern, ja sogar Eisenteile und Nägel verschluckt haben“.

1938 wurden einige Baracken abgebaut und für allerdings nur wenige Wochen an den „Westwall“ in den Raum Zweibrücken transportiert.

Ab 1940 kamen auch in dieses Lager zunehmend von Militärgerichten Verurteilte. Der Anteil der überwiegend wegen Fahnenflucht, unerlaubter Entfernung oder ‚Zersetzung der Wehrmacht‘ Verurteilten dürfte auch in diesem Emslandlager spätestens nach 1942 deutlich über 50 % gelegen haben, obwohl für das Lager Brual-Rhede für die Zeit seiner Bestehens von 1934 bis 1945 nur wenige genaue Angaben vorliegen.

Die Arbeits- und Alltagsverhältnisse verschlechterten sich in der Kriegszeit zusehends.. Die Gefangenen wurden zunehmend in der Landwirtschaft und in kriegswichtigen Bereichen eingesetzt, die Arbeitszeit wurde auf 12 Stunden und mehr erhöht. 1943 errichtete die Bremer Maschinenbaufirma Klatte neben dem Lager (und beim Lager Esterwegen) ein Werk, in dem Gefangene in 12-Stunden-Schichten u.a. Flugzeugteile herstellen mussten. Die zuletzt noch ca. 700 Lagerinsassen wurden Anfang April 1945 in das Lager Aschendorfermoor verlegt.

 


Von Aschendorf Richtung Autobahn und "Rhede/Winschoten" fahrend, lässt man Rhede linkerhand liegen und biegt Richtung "Wymeer 10 km / Brual-Siedlung 5 km" nach rechts in die "Kolpingstraße" (nach 1,7 km "Katzenburg") ab. Nach 4 km, 500 m hinter einer Autobahnüberführung, biegt man an einer kleinen Bushaltestelle und vor einer starken Rechtskurve nach rechts ab ("Katzenburg Nr. 24-26").
An das Lager erinnert heute vor Ort nur noch eine Informationstafel, die dort wie an den anderen Lagerorten im Emsland Anfang der neunziger Jahre vom Landkreis Emsland aufgestellt wurde.